Mit der Klangschale auf dem Jakobsweg ...

Es ist ein wunderschöner Herbstmorgen. Über den Pyrenäen geht langsam die Sonne auf. Ich mache mich auf den Weg. Neben Schlafsack, Sonnencreme und Verbandspäckchen habe ich auch eine Klangschale in meinem Rucksack, eine kleine Herzschale. Nicht nur weil mir der Jakobsweg eine Herzensangelegenheit ist, sondern weil sie mit 1,05 kg die leichteste meiner Schalen ist, und jedes Gramm schwer zu wiegen droht. Ich gehe alleine, und das soll auch einige Tage so bleiben. Ich brauche Ruhe, Abstand, die Konfrontation mit mir selbst. Die Schale ruht am Boden meines Rucksackes als stiller Begleiter. Ich werde sie niemandem aufzwingen, wenn jemand die Hilfe der Klänge braucht, wird er oder sie mich finden. Davon bin ich überzeugt.
Der Weg ist eine Herausforderung für Geist und Körper, die Leute mit bandagierten Knien und Knöcheln werden von Tag zu Tag mehr. Auch John, ein sportlicher Ire meines Alters, hat große Schmerzen im Knie und pumpt sich notgedrungen mit Schmerzmitteln voll. Nachdem ich zwei Tage neben ihm gehe, erzähle ich ihm von meiner Klangschale, und biete an, etwas auszuprobieren. Ich weiß nicht, ob eine kleine Herzschale bei großen Knieproblemen sofort merkbar hilft, aber ich glaube fest daran, und dieser Glaube überzeugt ihn. Was hat er auch zu verlieren?

Und so kommt es in der Pilgerherberge der schönen Stadt Estella, in einem Schlafsaal mit dreißig Stockbetten, zu meiner ersten Klangmassage auf dem Jakobsweg. Es ist später Nachmittag und es sind nur wenige Pilger im Raum. Der Lärmpegel ist annehmbar, ansonsten achte ich nicht weiter auf die anwesenden Personen, spüre aber eine stille Akzeptanz und Solidarität. Zustimmendes, fast wissendes Kopfnicken eines älteren Mannes, lässt mir die Bedeutung meiner Aufgabe erst so richtig bewusst werden. Jeder hier hat Schmerzen, und wenn irgendjemand oder irgendetwas helfen kann, ist es ein Segen, ein Geschenk Gottes. John ist sehr entspannt. Es fällt ihm nicht schwer, ganz im Hier und Jetzt zu sein, ist doch diese Herberge sein Zuhause, der Rucksack neben ihm sein ganzes Hab und Gut, und die Menschen um ihn seine Familie – zumindest für die Dauer dieses Weges. Und den will er zu Ende gehen. Nach einer halbstündigen, sehr improvisierten Klangmassage lasse ich ihn entspannt liegen und hole mir einen Kaffee in der alten, nett renovierten Küche. Ich fühle, was ich immer fühle wenn etwas im Einklang ist: eine wohliges Kribbeln und ein großes inneres Danke an Gott. Als ich später zurückkomme, treffe ich John frisch geduscht und mit einem demütigen Lächeln an. Er fühlt sich viel besser. Ich biete ihm an, es morgen zu wiederholen, spüre aber, dass es nicht mehr nötig sein wird. Der Erfolg spricht sich schnell unter meinen Mitpilgerinnen und Mitpilgern herum, und ich komme mit sehr interessanten Menschen aus aller Welt in gute Gespräche. Es verwundert mich, wie viele selbst energetisch arbeiten, oder offen dafür sind. Fast alle haben etwas auf diesen Weg mitgebracht, um sich selbst, aber vor allem Anderen, Linderung in Schmerz und Not verschaffen zu können. Das ist einer der wunderbarsten Aspekte, wenn nicht sogar das größte Geheimnis, dieses ansonsten doch schon sehr touristischen Jakobsweges.

Ich darf in den darauf folgenden Tagen und Wochen noch vielen Menschen „auf die Beine helfen“, wie auch Reinhard aus Ostfriesland, den Schmerzen im Sprunggelenk an den Rand der Aufgabe treiben. Im Gespräch erahne ich mögliche Gründe, die ihn am Vorwärtskommen hindern. Beim ersten Ton der Klangschale lächelt er, bald kullert eine Träne über seine Wange. „Der wird auch wieder!“, denke ich mir. Auch Benita aus Sydney, die aufgrund ihrer Knieschmerzen schon vier Tage pausieren musste, oder Edel aus Dublin, die große Probleme mit ihrer Hüfte hatte. Diese Menschen haben mir und meiner Klangschale vertraut, und ich sah sie alle überglücklich in Santiago de Compostela, dem Ziel der Pilgerreise ankommen.
Wie begrenzt der Platz auch war, wie laut und hektisch das Drumherum: die Klangschale wirkte. Sie war mir ein stiller, weiser Freund auf dem Jakobsweg. Eine Schale der Liebe, als Geschenk von Mensch zu Mensch.
